Startseite

Innenansichten eines verunsicherten Katholiken

Der Zölibat

„Die Kleriker sind gehalten, vollkommene und immerwährende Enthaltsamkeit um des Himmelreiches willen zu wahren; deshalb sind sie zum Zölibat verpflichtet, der eine besondere Gabe Gottes ist, durch welche die geistlichen Amtsträger leichter mit ungeteiltem Herzen Christus anhangen und sich freier dem Dienst an Gott und den Menschen widmen können.“

– Codex Iuris Canonicii  (Gesetzbuch der römisch-katholischen Kirche) 

Der Zölibat[1] 

Viele glauben, dass der Zölibat und die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche in einem ursächlichen Zusammenhang stünden. Dass die Institution Kirche also quasi mitverantwortlich für die Missbrauchstaten wären. Das scheint mir allerdings zu kurz gedacht. Das würde ja bedeuten, dass man den individuellen Tätern ihre Verantwortung für die Tat abnimmt. Untersuchungen haben gezeigt, dass ein Verzicht auf Sexualität, ob verordnet oder freiwillig, nicht dazu führt, dass die Anzahl der Sexualstraftaten in dieser Personengruppe signifikant ansteigt. Sexueller und anders gearteter Missbrauch an Kindern und Jugendlichen ist häufig die Folge individueller und sozialer Fehlentwicklungen im familiären Umfeld. 

Niemand kann wissen, wie die Abschaffung des Zölibats sich auf die Probleme der Kirche auswirken würde: Würden mehr Menschen den Priesterberuf anstreben, würde die katholische Kirche wieder mehr Kircheneintritte als -austritte verzeichnen, würde sich die Anzahl der Kirchenbesucher wieder erhöhen, …? Eins wäre allerdings klar, dass die Kirche sich öffnen würde in die Richtung, die für sie zwingend ist, wenn sie weiterbestehen will: Ein Schritt in die Moderne und weg von den mittelalterlichen oder noch älteren verquasten Ideen, die so viele Gläubige abschreckt. 

Betrachtet man einmal "nur" die Sexualität: 

Der unglückliche Umgang mit der Sexualität. Offiziell findet sie bei vielen Priestern und Bischöfen gar nicht statt. Inoffiziell weiß man jedoch, dass viele Kirchenamtler im Laufe vergangener Jahrhunderte verheiratet waren, offiziell oder auch inoffiziell, dass sie durchaus sexuell aktiv waren (inklusive aller möglichen Abarten). Darüber berichtet die Kirchengeschichtet selbst. Die Kirche zieht daraus allerdings keine zeitgerechten Schlüsse: 

-    Sex vor der Ehe: verboten

-    Verhütungsmittel: verboten (außer dem der Enthaltsamkeit)

-    Heirat verschiedener Konfessionsangehöriger: nicht möglich

-    Scheidung/Wiederheirat: nicht möglich

-    Homosexualität: nicht akzeptiert

-    Selbstbefriedigung: unerwünscht

-    … 

Verbote, Hindernisse, von denen die Kirche definitiv weiß, dass sie millionenfach nicht eingehalten werden, dass sie viele Gläubige in tiefe Gewissenskonflikte stürzt. Das ist ein wahrer Krampf und das ist auch der Grund, warum die katholische Kirche immer weniger Zuspruch erfährt. Zum Glück für die Kirche gibt es immer wieder mutige und gewissenhafte Priester- und Ordensleute, die die kirchliche Heuchelei nicht mitmachen und sich an die weltfremden Kirchenvorschriften nicht halten. 

Welche Zumutung es für einen (jungen) Menschen bedeuten kann, sich verpflichten zu müssen, in Zukunft sexuell enthaltsam zu leben, um Priester werden zu können, kann man sicherlich nachempfinden. Ob das dadurch angestrebte Ziel, „leichter mit ungeteiltem Herzen Christus anzuhangen und sich freier dem Dienst an Gott und den Menschen widmen zu können“ (s.o.), erreicht wird, scheint mir doch sehr zweifelhaft. 

Dennoch oder gerade deshalb habe ich einen großen Respekt vor Priestern, Bischöfen und Ordensleuten, die in der Kirche und in der Gesellschaft klaglos ihren wichtigen Dienst versehen und sich den Regeln der Amtskirche unterwerfen. Um wieviel wäre ihr Dienst leichter, wenn die Ehelosigkeit nicht verpflichtend, sondern freiwillig wäre. Wer glaubt, nur als Nichtverheirateter sich auf seine Glaubensaufgaben konzentrieren zu können, dem soll das unbenommen sein. Keiner wird zur Ehe verpflichtet, zur Ehelosigkeit und Enthaltsamkeit allerdings auch nicht. 

Mit dem Thema Sexualität könnte die katholische Kirch auch anders umgehen: 

Nach jüdischer Tradition ist die Liebe (auch die körperliche) eines der höchsten Geschenke Gottes. Dieses Geschenk zurückzuweisen, ist nach jüdischer Sicht ein Vergehen. 

Nur mal so als Beispiel! 

Reinhold Duczek, Bönen, 3. Juni 2019



[1]Man kann lt. Duden auch „das  Zölibat“ sagen.