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Kirchen-Blog: Innenansichten eines verunsicherten Katholiken

Kirchenaustritte -
aus der Kirche / aus dieser Kirche

272 771 Katholiken sind 2019 aus ihrer Kirche ausgetreten - 26 Prozent mehr als im Vorjahr, so viele wie noch nie. Auch bei den Protestanten kehrten etwa 270 000 Menschen der Kirche den Rücken, 22 Prozent mehr als im Vorjahr. Und dabei war 2019 gar kein Skandaljahr, anders als zum Beispiel 2010, als der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche bekannt wurde.

Damit gibt es in Deutschland noch 22,6 Millionen Katholiken1 und
20,7 Millionen Protestanten. ( sz.de v. 3. Juli 2020 )

Anfang des 20. Jahrhunderts waren fast alle Einwohner Deutschlands Mitglied einer christlichen Gemeinde, heute sind es noch etwa 56 %.

Die Ursachen für die vermehrten Austritte sind vielfältig und werden von den Kirchen häufig sogar verstärkt: 

  • Die religiöse Erziehung ist stark rückläufig. Häufig wird das Thema „Kirche“ als überholt und antiquiert angesehen. Dementsprechend weniger wird es in den Familien thematisiert oder vorgelebt. Dies ist eine Tendenz, die sich natürlich im Laufe der Zeit, über mehrere Generationen, verstärkt. Die katholische Kirche, bleiben wir ruhig bei dem, was wir kennen, findet keinen Ansatz hier entgegenzuwirken. Das Gebet in der Familie wird selten praktiziert, der Religionsunterricht in den Schulen wendet sich mehr und mehr allgemeinen ethischen Fragen zu, Glaubensinhalte werden seltener thematisiert. Sie gelten als irrational, mystisch, überholt und weltfremd. Beschäftigt man sich damit öffentlich, wird man mehr als „komischer Kauz“ als als „cooler Typ“ wahrgenommen. Verstärkt gilt diese Tendenz für die Gebiete der ehemaligen DDR, wo Religion systematisch unterdrückt und ausgegrenzt wurde.
  • Kirchenbesuche, die früher wesentlich für die christliche Ausrichtung einer Arbeitswoche waren, sind aus den gleichen Gründen, wie bereits oben erwähnt, zurückgegangen. Die Frage nach dem Sinn des Lebens wird für irrelevant gehalten oder schlicht für unbeantwortbar. Zeitverschwendung. So wenig wie mit dem „Leben“ will man sich aber auch mit dem Thema „Tod“ beschäftigen. Beide Themen sind Zentralfragen der Kirche. Sie stören den Alltagstrott, das Streben nach dem schnellen „Glück“. Es gibt so viele Möglichkeiten, im Beruf, in der Familie oder in der Freizeit sich selbst zu verwirklichen. Was braucht es da die Auseinandersetzung mit Gott? (Bin ich nicht selbst ein „Gott“?)
  • Mitgliedschaft in der Kirche kostet Geld. In Zeiten knappen Geldes kann man beim Blick auf den Gehaltszettel schnell auf die Idee kommen, dass sich hier doch leicht Geld einsparen ließe, zumal man mit der Kirche ja sowieso nicht viel am Hut hat. Und wäre es da nicht logisch, ja vielleicht sogar konsequent … aus der Kirche auszutreten?
  • Wie schon häufig beklagt, haben die offiziellen Stellen in der (katholischen) Kirche offiziell ein solch verklemmtes Verhältnis zur Sexualität und zu den natürlichen Formen der Liebe in all ihren Erscheinungsformen, dass sie ihre zum Dogma erklärte Einstellung nur durch Verbote und fragwürdige Enzykliken auszudrücken vermögen. Mit der Lebenswelt der Christen in aller Welt hat dies nicht viel zu tun. Wie gesagt, gilt das offiziell. Innerhalb der kirchlichen Mauern fand man dagegen andere sexuelle Spielarten, auch deren widerwärtigste und verbrecherischste: der sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen. Man fragt sich natürlich, wie das zusammengeht: auf der einen Seite 
    Prüderie und auf der anderen Seite sexueller Missbrauch? Stellt man die Frage, so ist sie auch leicht zu beantworten: Sexueller  Missbrauch innerhalb der Kirche ist eine Folge der offiziell gestatteten eindimensionalen Sexualität.
  • Der offizielle kirchliche Umgang mit der oben beschriebenen düsteren Vergangenheit ist ein weiterer Grund für viele Kirchenaustritte. Vielfach wird beschwichtigt, werden Kommissionen eingesetzt, wird geleugnet, wird an Entschädigungen moralischer und finanzieller Art gespart.
  • In die Kirche passt auch nicht der Zölibat.
  • Und die Missachtung der Gleichberechtigung der Frau.

Sicherlich kann man noch mehr Gründe für die Kirchenaustritte finden, wenn man noch genauer analysiert. Christen verstehen auch, dass die Kirche nicht alle Veränderungen in der Welt in der Geschwindigkeit, wie sie vorgegeben werden, mit vollziehen kann. Sie will ja auch ein Fels im Meer der Veränderungen sein. Aber heißt das auch gleichzeitig, dass sie sich gar nicht verändern darf?

Warum soll sich die Kirche nicht wandeln dürfen, wenn es gilt, Fehler zu korrigieren?


Reinhold Duczek, Bönen, 5. Juli 2020
Sachausschuss für Öffentlichkeitsarbeit

 

1Warum viele Menschen in der Kirche bleiben, haben beispielhaft einige    Gemeindemitglieder im letzten Pfarrbrief (19/20) überzeugend dargelegt.


Bildquelle: Photo: Andreas Praefcke [Public domain]